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#4 – Auf dem Weg nach Delhi I

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Die lokale Story – was so passiert ist

Der Weg über indisches Hinterland in den Nord-Westen nach Delhi ist noch lang. Die Straßen sind besser als gedacht, zumindest in meiner Erinnerung waren die unzähligen Schlaglöcher und schlechten Zustände noch lebhaft vorhanden. Häufige Baustellen und völlig neue Straßenabschnitte zeigen aber, dass in den letzte Jahren sehr intensiv in den Straßenbau investiert wurde und immer noch wird. Jetzt, Mitte April steigen die Temperaturen tagsüber in Zentral-Indien auf 45° C und darüber. Es ist als ob einem ständig ein heißer Föhn ins Gesicht bläst. Regelmäßige Trinkpausen sind essentiell, sonst dehydriert man unweigerlich. In dieser Region der Erde kennt man nur zwei Jahreszeiten. Den Monsun und die Trockenzeit, also es regnet – oder es regnet eben nicht. Die Regenzeit beginnt ziemlich genau am 14. Juni – jetzt, ungefähr 2 Monate vorher merkt man die Trockenheit überall. Zeitungen schreiben von Dürre, Menschen sterben auf Grund der Hitze und wegen des Wassermangels.

 

Um das wenige verbliebene Wasser in den Flüssen treffen sich die Menschen aus nahe gelegenen Dörfern.

 

Der Verkehr in Indien ist immer eine besondere Herausforderung, darüber werde ich sicherlich während der weiteren Tour noch einiges zu berichten haben. Kurz gefasst, jeder tut was er gerade möchte, alle fahren kreuz und quer. Überholt wird wenn es die Straße hergibt, der Gegenverkehr wird dabei tunlichst ignoriert. Der Glaube an die eigene Unverwundbarkeit ist groß, irgendwie geht es sich schon aus. Für den Motorradfahrer bedeutet es, dass er in den meisten Fällen von der Straße muss, obwohl der Überholende sieht, dass Gegenverkehr kommt. An und für sich keine große Sache, jeder hält sich daran, Kollisionen sind eher eine Seltenheit.

Auf einer Straße wie auf dem unten aufgeführten Foto ist es halt passiert, dass es irgendwo am Land zu einem Unfall kam, weil ich Kreuz gefahren war und der andere Quer. Ich hatte am Bankett einen LKW überholt, obwohl ich ein auf mich zukommendes Motorrad sah. Auch hier eine ganz normale Situation, viele Male zuvor ohne Probleme durchgeführt. Aber diesmal ging es sich leider nicht aus. Offenbar hatte er mich der entgegenkommende Motorradfahrer zu spät gesehen, unsere beiderseitigen Rettungsversuche konnten zwar noch einen frontalen Crash verhindern, aber die Motorräder hatten sich noch gestreift.

 

Ich konnte meine Prinzessin abfangen und einen Sturz vermeiden, mein Gegenüber hatte da weniger Glück. Zwei Männer sind darauf gesessen, beide waren verletzt, einer davon schwer. Ihr Motorrad sah aus wie nach einem Totalschaden, das soll aber in Indien nichts heißen. Beide lagen auf dem Boden, ich bin natürlich sofort zu Ihnen um zu helfen. Der jüngere der Beiden hatte nur einige Schürfwunden und einen Schock. Den Ältere, den Beifahrer hatte es leider schlimmer erwischt. Er war offenbar mit seinem nackten Fuß zwischen seinen Fußraster und meinen Gepäckträger oder die Alubox geraten.

Wie immer in Indien, war die Szene innerhalb von Minuten von 30 Leuten umringt. Eine solche Situation kann sehr heikel werden. Ich hatte auf vorigen Reisen ähnliche Situationen gesehen, wo Verwandte von Unfallopfern an der Unfallstelle mit Stöcken aufeinander losgegangen sind.

Der Fuß blutete stark, der Mann hatte sich vor Schmerzen gewunden – mein Ruf nach einer Ambulanz hat in den Augen der Umstehen nur Verwunderung hervorgerufen. Einige von Ihnen hatten bereits damit begonnen, das Motorrad aufzurichten und behelfsmäßig fahrtüchtig zu bekommen. Das Interesse am Verletzten war äußerst gering. Der jüngere stand in der Zwischenzeit wieder, aber auch er verneinte meine Frage nach einer Ambulanz. Offensichtlich gibt es in der Nähe kein Spital, also war meine nächste Frage nach einem Doktor. Einen Doktor gäbe es zwar im nahe gelegenen Dorf, aber sie sahen keinen Grund ihn aufzusuchen. Ab dem Zeitpunkt war mir klar, dass es dabei nur ums Geld ging. Sie konnten sich die medizinische Versorgung nicht leisten. Ich bestand darauf, dass beide mit mir gemeinsam zum Arzt gingen. Sie willigten erst ein, als ich ihnen mehrmals versichert hatte, dass ich die Kosten dafür übernehme. Zwei der Herumstehenden setzten den Verletzten auf den Rücksitz der provisorisch zusammengeflickten Honda Hero und los gings in die Ordination.

Auch der Arzt erklärte sich erst bereit, den Verletzten anzusehen, nachdem ich für die Kosten garantiert hatte. Die erste Diagnose lautete auf offenen gebrochenen Mittelfuß, aber das Ganze sei nicht so schlimm. Auf meine Frage, was er für die Behandlung bis zur vollständigen Heilung bekomme, sagte er 500 INR – also ungefähr 7€. Nachdem der Arzt Englisch sprach, bat ich ihn auch das jüngere Unfallopfer zu fragen, was die Reparatur des Motorrades kosten würde – ebenfalls 500 INR. Auch diese hatte ich natürlich übernommen. Alle meine Zahlungen waren freiwillig, niemand hatte jemals Geld von mir verlangt. Wenn ich einfach weitergefahren wäre, wären keine Konsequenzen zu tragen gewesen.

Vor der Ordination wurde ich bereits vom Ortsvorsteher, dem Lehrer des Dorfes und einem Geschäftsmann erwartet.

Meine erste Frage war natürlich wie es nach dem Vorfall weitergeht. Was ist mit der Polizei, oder zumindest einem Protokoll? Auch jetzt wieder völlige Unverständnis für meine Frage. Wieso Polizei? Unfall ist Unfall! Normalerweise trägt dann jeder Unfallgegner seine Kosten selbst. Die Frage nach der Schuld interessiert niemanden. Mir wurde mehrmals versichert, dass es ungewöhnlich und äußerst nett sei, freiwillig die Kosten für den Gegner zu übernehmen. „Also, setzen sie sich auf Ihr Motorrad und fahren sie weiter, sie haben heute noch einen langen Tag“.

Fotos von der Unfallstelle oder aus der Ordination gibt’s keine, da hatte ich andere Sorgen.

Kurz nachdem ich durch ein Dorf kam, war das erste Mal die Luft raus – nicht bei mir sondern bei meinem Hinterreifen. Ich konnte mich noch den Reifenladen am Ortsausgang erinnern, also im Schritttempo die 2 km zurück. Diese „Vulkaniseure“ gibt es in jedem Dorf, platte Reifen sind hier an der Tagesordnung. Man benötigt nicht viel, um so einen Laden zu betreiben. Einen Unterstand, eine Luftpumpe und etwas Werkzeug.

Dieser Workshop war auf Traktoren „spezialisiert“, weshalb kein Schraubenschlüssel vorhanden war, um mein Hinterrad abzumontieren. Für einen richtigen Inder ist das aber kein Problem, da wird der Schlauch eben am befestigten Reifen gepickt.

Der Übeltäter war sofort gefunden – ein kleines Metallstück mit dem verursachten Loch

Wenn man zusieht, wie mit welch bescheidenen Mitteln der Schlauch geflickt wird, kann man einiges lernen. Ich hatte auf meinen Reisen schon mehrere solcher Erlebnisse, aber zum ersten Mal wurde das Loch mit einer normalen Nadel und Zwirn genäht. Obwohl alles etwas improvisiert aussieht, der Reifen hatte danach noch 1.500 km bis Delhi gehalten.

Mit einer erhitzten Schraubzwinge, etwas Reifengummi und einem Blatt Zeitungspapier wurde das Loch verschlossen und vulkanisiert.

Am Land sind meine Prinzessin und ich immer eine Attraktion gewesen, so entlegen kann man sich nicht befinden, dass nicht sofort eine Hand voll Schaulustige vor Ort sind.

Auf den Nebenrouten durchs Hinterland kommt man immer wieder durch abgelegene Bauerndörfer. In so einem Dorf zu leben bedeutet für die Anwohner Einfachheit, Entbehrungen und vor allem Abgeschiedenheit.

Der Aussichtsturm in einem großen Waldstück war schon von weitem sichtbar und hatte sofort mein Interesse geweckt. Die letzten Meter auf den Hügel waren zu Fuß zurückzulegen. Schon von weitem konnte man die Affenbande hören und sehen, die ihn offenbar okkupiert hatte.

Die Gruppe aus ungefähr 30 Lemuren wurde ziemlich hektisch, als ich mich näherte. Es kostete einiges an Überwindung, den Turm zu besteigen. Zum einen sah er ziemlich baufällig aus, die Stufen waren voll mit Affen-Kot und die Tiere sprangen aufgeregt herum. Jedesmal wenn ich auf sie zuging flüchteten sie, wenn ich mich umdrehte waren sie wieder knapp hinter mir.

Über Raipur in Chhattisgarh war ich in den Kanha Nationalpark in Madhya Pradesh gelangt. Von diesem Tiger Reserve sagt man, es habe dem englischen Schriftsteller Rudyard Kipling als Inspiration für seine Geschichte „Das Dschungelbuch“ gedient. Auch diesen Nationalpark hatte ich vor 9 Jahren besucht, damals übrigens erfolgreich.

Der Kanha Nationalpark beherbergt ungefähr 120 Tiger und etwa 80 Leoparden und eine Vielzahl anderer Tiere. Er erstreckt sich über ein Fläche von 940 km² und ist zusätzlich von einer Pufferzone von 1.000 km² umgeben, in die man durch einen Schranken gelangt. Hinter dem Schranken befindet man sich im Reich von Shir Khan – das ist Tigerland.

Innerhalb der Pufferzone befinden sich Dörfer, es ist eine gemischte Zone, Menschen  und Wildtiere leben hier miteinander.

 

Obwohl die Raubtiere öfters in den Dörfern gesehen werden – bevorzugt morgens kommen sie an die Viehbrunnen zum Trinken, oder sie reißen – selten – ein Tier – sind keine Angriffe auf Menschen in jüngerer Zeit bekannt.

In den Nationalpark selbst darf man nicht mit dem eigenen Fahrzeug einfahren. Wenn man hinein möchte, muss man sich dafür einen Jeep mit Fahrer mieten.

Ich war ziemlich erstaunt, wie viele Fahrzeuge um 5:30 Uhr morgens auf den Einlass warteten. Als ich das letzte Mal hier war, sind nur 2 oder 3 Fahrzeuge vor dem Tor gestanden – diesmal waren es hauptsächlich indische Touristen, die an einer mehrstündigen Tiger-Safari teilnahmen. Pünktlich um 6 Uhr wurden die Schranken geöffnet und die Meute startete in den Sonnenaufgang.

Ich war ziemlich enttäuscht wegen des Verkehrs im Park. Obwohl wir 4 Stunden unterwegs waren, konnten wir kaum Tiere sehen – geschweige denn einen Tiger oder Leoparden. Die Tiere sind ziemlich Scheu. Bei dieser Anzahl an Jeeps hätte ich auch keine Lust gehabt, raus zu gehen.

Mein voriger Besuch war von Erfolg gekrönt, dieses Erlebnis hätte ich diesmal gerne wiederholt. Damals war ich alleine mit einem Fahrer unterwegs, normalerweise ist es ihnen nicht erlaubt, Tiger näher als 50 m an das Fahrzeug heran kommen zu lassen. Ich konnte ihn aber überreden, trotzdem zu warten – so ist ein Tiger ungefähr 3 Meter neben mir vorbeispaziert. Er war offensichtlich nicht hungrig, weil er hatte uns einfach ignoriert. Anbei ein paar Fotos von meiner vorigen, erfolgreichen Dschungeltour.

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